"Wenn Dein Kind Dich morgen fragt..."

Veröffentlicht von Martina Knoll am Mo., 9. Jul. 2018 22:00 Uhr
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„Wenn Dein Kind Dich morgen fragt...“, so lautet der Anfangssatz einer Passage aus dem 1. Testament, dem 5. Buch Mose (Kapitel 6 Vers 20) wie es die christlichen Theologinnen und Theologen nennen, oder aus dem Buch der Reden (devarim), wie es in der jüdischen Tradition heißt.

„Wenn dein Kind dich morgen fragt...“, dann erzähl ihm, was gewesen ist. Gib ihm deine Werte, deinen Glauben und deine Traditionen mit. Schenke ihm deine Geschichte, deine Erinnerungen und die deines Volkes, auf das sie weiterleben von Generation zu Generation. Verschweige nichts. Erzähle auch das Schreckliche, das geschehen ist. Nimm kein Blatt vor den Mund.

Warum? Damit das Gute weiterlebt und das Grauen niemals wieder passiert. Diese furchtbare Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten, während der unzählige jüdische Männer, Frauen und Kinder entrechtet, gedemütigt, gequält, verschleppt und ermordet wurden. Dieses beispiellose Unrecht fügte den Jüdinnen und Juden unermessliches Leid zu.

Speziell hier im Hansaviertel war der Anteil der jüdischen Bevölkerung vergleichsweise hoch. Viele Künstler lebten und arbeiteten hier. Vor 1933 gab es sowohl hier als auch in Moabit blühende und lebhafte jüdische Gemeinden. Jüdisches Leben war selbstverständlicher und integraler Bestandteil des gutbürgerlichen Viertels. Es gab zahlreiche koschere Geschäft und drei Synagogen: Die kleinste (eigentlich nur ein Gebetsraum) war Siegmunds Hof 11 zu finden und eine andere an der Flensburger/Ecke Lessingstraße in einem Hof. Die dritte Synagoge stand in der Levetzowstraße und war ein prachtvolles Gotteshaus, das 2000 Menschen fassen konnte. 1933 lebten in Tiergarten 12.286 jüdische Menschen, 1945 waren es nur noch 161.(1) 1941 wurde das südliche Hansaviertel für „judenrein“ erklärt.

Als 1940 die Deportationen in Ghettos und Vernichtungslager begannen, mussten auch die damaligen jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn aus dem Hansaviertel und aus Moabit den „letzten Weg“ antreten. Die große Synagoge in der Levetzowstraße hatte die Reichspogromnacht versehrt überstanden und diente nun als Sammelplatz für den Abtransport. Von dort – gern in der Nacht – wurden bis 1945 mehrere tausend jüdische Menschen zum Güterbahnhof an der Quitzowstraße gebracht und in den Tod deportiert. Auf der heutigen Putlitzbrücke sowie in der Levetzowstraße zeugen heute Mahnmale von diesen Untaten.

Eine ehemalige jüdische Bewohnerin des Hansaviertels, Edith Marcuse, die Schwester des deutsch-jüdischen Philosophen und Schriftstellers Ludwig Marcuse, hinterließ in ihrem Nachlass Beschreibungen des jüdischen Alltags ab 1941. „Es war bereits die Zeit der unüberwindbaren Grenzen und der Deportationen. Ein Entkommen war nicht mehr denkbar." Sie schildert in ihren Aufzeichnungen ihre Warte-Situation zwischen Hoffen und Bangen. (2) Ich zitiere aus dem Buch von Bertram Janiszewski: Das alte Hansaviertel: „Die Aufregung unter den Juden ist unbeschreiblich. Auf der Straße, an der Synagoge Levetzowstraße haben sich Szenen abgespielt: Ohnmächtige Juden, schreiende, von Weinkrämpfen befallene (...) So sehr ich auch versuche, ruhig zu bleiben, dieser würgenden Angst kann man sich schwer entziehen.“(3) Edith wurde 1942 ebenfalls verschleppt und starb am 8. Mai 1945 im Alter von 48 Jahren, ihr Bruder überlebte im Exil.

All dies geschah unter den Augen der Bevölkerung und auch unter den Augen der evangelischen und katholischen Kirche, die sich auf diese Weise mitschuldig gemacht hat. Es gehörte viel Mut dazu, sich gegen die Gewalttäter und Mörder zu wehren. Die meisten wagten es nicht und blieben stumm. Viele Christen aber unterstützten die Nazis. Dazu gehörten in der Evangelischen Kirche die „Deutschen Christen“, die den christlichen Glauben mit den Vorstellungen der Nationalsozialisten verbinden wollten. Sie setzten sich sogar dafür ein, dass Juden aus der Kirche ausgeschlossen wurden, die zum Christentum übergetreten waren. Dies widersprach fundamental der christlichen Botschaft und dem christlichen Menschenbild, was die Bekennende Kirche bereits im Jahre 1934 in der Theologischen Erklärung von Barmen eindrücklich mahnend verschriftlicht hatte. Der so bitter benötigte Schutz der Verfolgten wurde ihnen versagt.

Erinnerungen bewegen, setzen Emotionen frei. Es sind ernste und überaus bedrückende Erinnerungen, denen wir heute Abend gedenken. Damit sie nicht vergessen oder verdrängt werden. Damit die nachfolgenden Generationen davon wissen. Je mehr die Zeit vergeht, desto dringlicher wird diese Aufgabe, denn es gibt inzwischen junge Menschen, die nicht einmal mehr etwas mit dem Namen „Auschwitz“ anfangen können. Und wenn die Zeit vergeht, und es bald niemanden mehr gibt, der aus eigenen Erfahrungen berichten kann, dann braucht`s andere, die die Geschichten und Erlebnisse weitertragen, indem sie erzählt, aufgeschrieben oder künstlerisch gestaltet werden.

So wie dieses „Fenster der Erinnerung“, auf dem 1030 Namen von jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern verewigt wurden. Diese Menschen starben namenlos, nur mit einer Nummer versehen. Aber Namen sind wichtig. Sie machen einen Menschen einzigartig und unverwechselbar. Mit dem Namen verloren sie gleichzeitig ihre Persönlichkeit, ihre Individualität, ihre Würde und schließlich ihr Leben. Wie gut, dass wenigsten einige von ihnen hier in diesem Fenster (oder auch durch die Stolpersteine) ihre Namen wiederbekommen.

„Wenn dein Kind dich morgen fragt..“, dann erzähle ihm, was geschehen ist. Mach ihm klar, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Denn wo stehen wir heute? In Zeiten von „fake news“, von Populismus und ausgrenzenden Reden, in denen menschenverachtende Worte immer mehr um sich greifen, salonfähig und damit bedrohlich werden. Worte aber haben Macht und schaffen Wirklichkeit. Welche Wirklichkeit wollen wir? Wir leben in Zeiten, in denen Übergriffe aus antisemitischer und fremdenfeindlicher Motivation heraus vermehrt geschehen und Menschen unter uns wieder Angst auszustehen haben. Erinnerungen sind wichtig. Sie verbinden die Vergangenheit mit der Zukunft und gestalten gleichzeitig unsere Gegenwart. Wir sind alle irgendwie miteinander verbunden. Und alles, was wir tun oder eben auch nicht tun an Gutem oder an Schlechtem wird sich auf unsere Zukunft auswirken. Ja, im Grunde genommen sind wir gerade jetzt in diesem Augenblick und in jedem Augenblick der Gegenwart dabei unsere Zukunft zu gestalten.

Damit aber tragen wir große Verantwortung. Es ist nicht egal, was wir denken. Es ist nicht egal, was wir sagen und erst recht ist es nicht egal, wie wir handeln.
Daher ist es gut, dass es dieses Fenster der Erinnerung gibt. Ein wichtiges Mahnmal. Und es ist gut dass Sie da sind, um es zu würdigen und um sich gemeinsam an die Vergangenheit zu erinnern - damit wir eine Zukunft haben.

Danke für dieses Fenster!

(Pfarrerin Sabine Röhm)

(1) Kurt Schilde: Versteckt in Tiergarten, Auf der Flucht vor den Nachbarn. Ein Gedenkbuch für die im Bezirk in der Zeit des Nationalsozialismus Untergetauchten, Berlin 1995, S. 16f.
(2) Bertram Janiszewski: Das alte Hansa-­Viertel in Berlin, Books on Demand, Norderstedt 2008, S.121
(3) aaO.


(fotos:knoll)
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